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Begeisterter Landschaftsgärtner: Mike SchmidtBegeisterter Landschaftsgärtner: Mike Schmidt

Arbeit

Perspektive geben

Der DGB NRW und das Diakonische Werk Rheinland-Westfalen-Lippe haben dazu aufgerufen, Langzeitarbeitslose stärker auf dem sozialen Arbeitsmarkt aufzufangen. Die neue Landesregierung solle einen sozialen Arbeitsmarkt umsetzen und ausbauen, heißt es im gemeinsamen Positionspapier zur Verringerung von Langzeitarbeitslosigkeit.  

"Für ältere un- oder angelernte Langzeitarbeitslose brauchen wir einen staatlich finanzierten sozialen Arbeitsmarkt, der Helfertätigkeiten anbietet", erklärte Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender des DGB NRW, vor der Landespressekonferenz NRW. Ziel sei es nicht, Menschen dauerhaft auf dem sozialen Arbeitsmarkt zu beschäftigen, sondern diesen als Sprungbrett in den ersten Arbeitsmarkt zu nutzen. Dafür sei es wichtig, dass die angebotenen Stellen sozialversichert, tariflich bezahlt und unbefristet sind.

Christian Heine-Göttelmann, Vorsitzender der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe (RWL), bekräftigte die Forderung nach öffentlich geförderter Beschäftigung, die dauerhaft in einem sozialen Arbeitsmarkt etabliert werden solle. In den bisher 90 bewilligten Projekten des NRW-Landesprogramms "Öffentlich geförderte Beschäftigung", das 2013 startete, seien knapp 2.000 Arbeitsplätze in gemeinnützigen und öffentlichen Betrieben geschaffen worden. Heine-Göttelmann kritisierte die Befristung dieser Programme auf zwei Jahre.

Regelrecht aufgeblüht

Hoch oben auf den Dächern fühlte sich Mike Schmidt immer zuhause. Doch dann hatte der Dachdecker einen schweren Fahrradunfall, bei dem er sich mehrfach das Schultergelenk brach. Es war das Aus für den Dachdeckerberuf. Mit 41 Jahren. Mike Schmidt schrieb zahllose Bewerbungen, und nahm an Bewerbungstrainings, Computerkursen und Beschäftigungsmaßnahmen teil, die das Jobcenter vermittelte. Doch einen neuen Job fand er nicht. „Man braucht unglaublich viel Selbstdisziplin, um nicht aufzugeben“, sagt der heute 51-jährige Handwerker. Die hatte er.

Als Mike Schmidt vom Projekt „öffentlich geförderte Beschäftigung“ hörte, das langzeitarbeitslosen Menschen für zwei Jahre einen sozialversicherungspflichtigen Job mit Unterstützung einer Beschäftigungsgesellschaft gibt, klemmte er sich dahinter. Mit Erfolg. Die renatec in Düsseldorf nahm ihn in das Programm auf. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er nun im Garten- und Landschaftsbau. „Ich bin richtig aufgeblüht“, sagt er. „Ich verdiene mein eigenes Geld, bin an der frischen Luft, die Arbeit macht Spaß und die Kollegen sind nett.“

Angst vor erneuter Arbeitslosigkeit

Er hat einen Führerschein, Kettensägen-Schein und eine Qualifizierung in Maschinenkunde gemacht. Nun hofft er, dass er Ende Juli, wenn die öffentlich geförderte Beschäftigung für ihn endet, einen Job bei einem Düsseldorfer Unternehmen findet. Die Chancen stehen nicht schlecht. Aber mit 51 Jahren zählt Mike Schmidt zur Gruppe der älteren Arbeitnehmer, die schwer vermittelbar sind. Er hat Angst, dass er wieder in die Arbeitslosigkeit zurückgeht. Könnte er noch länger im Projekt bleiben – vielleicht sogar unbefristet – wäre das für ihn „wie ein Sechser im Lotto“, betont er.

Schon lange setzt sich die Diakonie RWL mit ihren mehr als hundert Beschäftigungsgesellschaften zwischen Bielefeld und Saarbrücken für einen sozialen Arbeitsmarkt ein, der Menschen wie Mike Schmidt eine dauerhafte öffentlich geförderte Beschäftigung bietet. In NRW gibt es seit 2013 Projekte und Landesprogramme, doch alle sind zeitlich auf zwei Jahre befristet.

Positionspapier für sozialen Arbeitsmarkt

Deshalb nun das Positionspapier "Für einen Sozialen Arbeitsmarkt für Nordrhein-Westfalen". Dieses sieht u.a. auch vor, dass die Angebote des sozialen Arbeitsmarktes freiwillig sind und durch vertragliche Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer entstehen, statt durch das Jobcenter zugewiesen zu werden. Die Stellen sollen sowohl von der Wirtschaft als auch von Kommunen und freien Trägern angeboten werden. Außerdem soll die Förderung Zugänge zu Qualifizierungs- und Coachingangeboten eröffnen.

Nach Berechnungen des DGB kommen bis zu 90.000 Langzeitarbeitslose für eine Beschäftigung auf dem sozialen Arbeitsmarkt infrage. Da sich diese Maßnahmen nicht allein aus dem Landeshaushalt in NRW finanzieren lassen, müsse auch in Berlin für einen Passiv-Aktiv-Austausch geworben werden. Dabei sollen die Gelder, die den Langzeitarbeitslosen ohnehin über Hartz IV zur Verfügung gestellt werden, in den sozialen Arbeitsmarkt einfließen.

In Arbeit statt in Arbeitslosigkeit investieren

Um dafür zu sorgen, dass Langzeitarbeitslosigkeit gar nicht erst entstehe, müsse jeder Jugendliche, der eine Ausbildungsstelle sucht, auch eine bekommen. Nach Angaben des DGB finden jährlich 24.000 junge Menschen in NRW keinen Ausbildungsplatz. "Das ist ein untragbarer Zustand, der von der schwarz-gelben Landesregierung beendet werden muss", sagte der NRW-DGB-Vorsitzende in der Landespressekonferenz. Die Politik müsse verstärkt die Unternehmen in die Verantwortung nehmen. DGB, Diakonie und die evangelischen Kirchen seien sich einig, dass es sinnvoller sei, in Arbeit statt in Arbeitslosigkeit zu investieren.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen in Nordrhein-Westfalen liegt bei rund 300.000 und ist seit rund sieben Jahren stabil geblieben. Damit sind 42 Prozent aller Arbeitslosen in NRW langzeitarbeitslos. Der Anteil liegt über dem Bundesdurchschnitt von 36 Prozent Langzeitarbeitslosen. Als Grund dafür wird insbesondere der Strukturumbruch in Nordrhein-Westfalen angesehen, durch den viele Beschäftigungsmöglichkeiten für un- und angelernte Personen wegfielen.

Beispiel "Neue Arbeit" in Essen

Welche Jobs soll es in dem neuen sozialen Arbeitsmarkt geben? Beispiel gegen die 93 diakonischen Beschäftigungsgesellschaften in NRW. Bei der "Neuen Arbeit" Essen etwa bereiten die langzeitarbeitslosen Teilnehmer in der Großküche Essen für Kitas und Schulen zu oder restaurieren alte Autos der Hersteller Citroen und Peugeot und machen aus ihnen begehrte Oldtimer. Sie stellen junge Designer-Produkte her, die über einen Onlineshop verkauft werden.

Bei der renatec sind die Teilnehmer als Maler, Hausmeister und Handwerkerhelfer für eine Wohnungsbaugesellschaft und die Diakonie im Einsatz oder sie arbeiten wie Mike Schmidt im Garten- und Landschaftsbau. Finanziert werden die Projekte der "öffentlich geförderten Beschäftigung" vom Land NRW, dem Europäischen Sozialfonds und dem Jobcenter.

Mensch sein

„Die Arbeit gibt den Menschen Würde und Perspektive zurück“, betont Diakonie-Vorstand Christian Heine-Göttelmann. „Das Recht auf Arbeit ist aus christlicher Sicht die Möglichkeit, einer göttlichen Bestimmung zum Menschsein folgen zu können.“

Mike Schmidt drückt es so aus: „Ich bin selbstbewusster geworden. Und so werde ich jetzt auch in Bewerbungen auftreten.“

 

ekir.de / epd; Sabine Damaschke / diakonie-rwl.de / Evangelische Kirche im Rheinland - EKiR.de / 21.06.2017



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