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Foto: Die evangelische Matthäuskirche vor Banken -und Bürogebäuden in Frankfurt a.M. Foto: epd-bild. Thomas Lohnes Die evangelische Matthäuskirche vor Banken -und Bürogebäuden in Frankfurt a.M. Foto: epd-bild. Thomas Lohnes

Themenschwerpunkt Wirtschaft

Industrie 4.0 und der Faktor Mensch

Die Digitalisierung in Industrie, Handwerk, Verwaltung und Dienstleistung verändert die Erwerbsarbeit tiefgreifend. Neue Arbeitstechniken, neue Organisations- und Kommunikationsformen wandeln die Arbeitswelt immer schneller um. Mit ihrem Themenschwerpunkt "Industrie 4.0 und der Faktor Mensch" begleitet die Akademie diese Veränderungen und regt zum offenen Austausch über Für und Wider an.

Noch vor 10 Jahren wurde angenommen, dass der „Industrielle Komplex“ in seiner Schlüsselfunktion vom Dienstleistungssektor abgelöst wird. Inzwischen ergibt sich ein differenzierteres Bild. Es legt nahe, weniger aufgeregt zu fragen, in welche Richtung Re-Industrialisierungsprozesse und andere Entwicklungen z.B. unter den Vorzeichen von Digitalisierung und Nachhaltigkeitsanforderungen voranschreiten und welche kollateralen Auswirkungen im sozialen Kontext zu beachten sind.

Bei dem Konzept der Industrie 4.0 geht es aktuell noch nicht um die Umsetzung,
sondern um ein Ausloten der Gestaltungsräume

Bei dem Konzept der Industrie 4.0 handelt es sich bisher um eine Kampagne und ihr folgende Diskurse, die zwar auf politische und ökonomische Maßnahmen und Ergebnisse zielen, mit diesen aber nicht verwechselt werden dürfen. Es geht nicht vorrangig um technologische oder ökonomische Zwänge, sondern um das diskursive Ausloten politischer, ökonomischer und technischer Gestaltungräume. Dabei ist zu fragen, wie die Gestaltung im Zusammenspiel zivilgesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Akteure und Akteurinnen vonstatten gehen wird und wer dabei die Federführung beansprucht.

Die Kirchen müssen die ökonomischen und sozialen Konsequenzen in den Blick nehmen
Noch ist nicht im Detail absehbar, wie künftige Formen der Erwerbsarbeit aussehen und wie sich Strukturen der Arbeitsorganisation wie die Mitbestimmung ändern werden. Zunächst ist es sinnvoll, sich ein möglichst konkretes Bild vom Wandel der Arbeitsbedingungen und den Auswirkungen auf die Beschäftigten zu machen. Gerade weil das Paradigma „Industrie 4.0“ von der Bunderegierung und der IT-Industrie massiv propagiert wird, ist neben den wirtschaftlichen und politischen Interessen der treibenden Akteure auf die möglichen ökonomischen und sozialen Konsequenzen aus den neuen Technologien zu achten. Insbesondere der Anspruch, der Arbeitsgestaltung werde bei Industrie 4.0 eine hohe Bedeutung zugemessen, wird kritisch zu prüfen sein.

Digitalisierung verändert die Arbeitswelt für Arbeitnehmer und Unternehmer
Dem digitalen Fortschritts-Hype schlägt nicht nur aus kapitalismus-kritischen Milieus, sondern auch aus vielen freiheitsliebenden und verantwortungsbewussten mittelständischen Unternehmen große Skepsis entgegen. Welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung nicht nur für abhängig Beschäftigte, sondern auch für Selbstständige und für mittelständische Unternehmen?

Auch das Berufs- und Arbeitsethos wird sich wandeln
Mit neuen Berufsbildern und neuen Unternehmensformen im Bereich von digitaler Produktion und Dienstleistungen bilden sich neue „Normalitäten“, die vom bisherigen Grundverständnis erheblich abweichen etwa im Blick auf die bisherige Unterscheidung vom „Selbstständigkeit“ und „abhängiger Beschäftigung“. Welche Wandlungen im Berufs- und Arbeitsethos nehmen wir als Kirche wahr
und wie bewerten wir sie sozialethisch?

Herausforderung und Wandel durch Digitalisierung ist ein übergreifendes sozialethisches Thema
Das Thema Arbeit ist die gemeinsame Schnittmenge des Akademiebereichs Wirtschaft-Arbeitswelt-Sozialer Wandel mit den Aufgabenfeldern der landeskirchlichen Sozialethik und des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt dar. Die von der Akademie ausgehenden Diskussions-Impulse zur Zukunft der Erwerbsarbeit und zu den Herausforderungen der Digitalisierung wirtschaftlicher Produktion und Marktorganisation sollen in diese landeskirchliche Netzwerke weitergegeben werden. Die Erörterung von Für und Wider der neuen Gestaltungsräume und Arbeitsbedingungen ist ein zentrales sozialethisches Thema, zu dem die Akademie mit diesem Themenschwerpunkt ihren Beitrag leistet.

Exemplarische Facetten des Themenschwerpunkts
"Industrie 4.0 und der Faktor Mensch"

1. Wie steht es um den „human factor“ in der „digitalised factory“?
Welche Rolle spielt menschliche Arbeit in den Szenarien „Industrie 4.0“ bzw. „Wirtschaft 4.0“, wenn in autonom miteinander kommunizierenden Fabriken und Produkten immer weniger Menschen zum Konzipieren und Kontrollieren von Planungs-, Fertigungs- und Logistik-Prozessen benötigt werden?
Wie wird die fortschreitende Digitalisierung sich auf Produktionsprozesse und auf die Kommunikationskultur in Unternehmen auswirken?

Mensch-Maschine-Kooperationen entwickeln sich zur neuen Arbeitsform
Neben die Mensch-Maschine-Interaktion tritt zunehmend eine Mensch-Maschine-Kooperation. Produktionsanlagen werden von vornherein auf die Wechselwirkung von Mensch und Maschine hin entworfen.

Lässt sich unter diesen Voraussetzungen das Verhältnis Mensch-Maschine noch „analog“ zur sozialethischen Debatte um die „Humanisierung der Arbeitswelt“ bestimmen?
Im Projekt InSA etwa werden bisher voneinander unabhängige Arbeitsbereiche von Mitarbeitern in der Produktion und von Robotersystemen mit Sensoren überwacht. Das System registriert aktuelle Tätigkeiten und beurteilt in der jeweiligen Situation anhand der digitalen Auswertung von Kontext-Informationen etwaige Gefährdungspotenziale, denen Mitarbeiter durch die Bewegungen eines Roboters ausgesetzt sein können. Durch solche kontextsensitiven Schutzsysteme soll die Wirtschaftlichkeit von Industrierobotern in gemischten Arbeitsumgebungen verbessert werden. Doch wer überwacht und optimiert in intelligenten Produktionsumgebungen wen? Läßt sich das Verhältnis Mensch-Maschine im digitalen Zeiten noch „analog“ zur sozialethischen Debatte um die „Humanisierung der Arbeitswelt“ bestimmen?

2. Wird die Arbeitsgesellschaft eine solidarische Gesellschaft bleiben?
Digitale Vernetzung wird neben neuen Spielräumen auch neue Abhängigkeiten und Risiken schaffen, die sozialethisch zu reflektieren und zu bewerten sind z.B. im Blick auf Crowdworking. Bei dieser Unternehmensform werden formal selbständige freie Mitarbeitende durch netzbasierte Vermittlungsplattformen u.a. für bestimmte (Software)Arbeiten verpflichtet. Das kann volle, aber auch prekäre Selbständigkeit bedeuten. Arbeiten gehen von anspruchsvollen Programmierarbeiten bis hin zu einfachen Arbeiten.

Die neue Unternehmensform Crowdworking ist sozial und ökonomisch umstritten
Gerade solches 'microtasking' wird sowohl unter sozialen wie ökonomischen Gesichtspunkten heftig kritisiert. In dem Zusammenhang sind "evangelische Maßstäbe in ethischer Verantwortung", wie sie die EKD-Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung“ 2015 gefordert hat, für eine menschenwürdige Gestaltung der Arbeitswelt zu benennen und mit Verantwortlichen wie auch mit Betroffenen zu diskutieren.

Prekäre Beschäftigung wird eine Herausforderung bleiben
Prekäre Beschäftigung und Arbeitslosigkeit werden auch in der Digitalen Welt weiterhin Herausforderungen bleiben und damit auch die Frage: Wird die Arbeitsgesellschaft im digitalen Zeitalter eine solidarische Gesellschaft bleiben?

Was wird aus "digitalen Analphabeten"?
Nicht alle können das Tempo mithalten oder sich an die Anforderungen des Arbeitsmarktes anpassen. Welche menschlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten werden in der „Arbeit 4.0“ gebraucht? Was wird aus „digitalen Analphabeten“, wenn nur noch „digital natives“ bzw. „digital creatives“ Arbeit finden?
Neue Formen prekärer Selbstständigkeit entstehen unter den kaum geordneten Bedingungen eines Wettbewerbs um digitale Dienstleistungen.

Wird es eine Kultur der zweiten Chance geben?
Wie eine Gesellschaft mit ihren schwächsten Gliedern umgeht, ist ein Maßstab. Ein anderer, wie sie mit beruflich Ausgebrannten oder wirtschaftlich Gescheiterten umgeht. Wird es eine „Kultur der zweiten Chance“ geben, an deren Aufbau die Kirchen aktiv mitwirken?

3. Ist auch Arbeit 4.0 noch "Gottesdienst im Alltag der Welt?"
Impuls zum Reformationsjubiläum 2017
Im Kontext des Reformationsjubiläums 2017 ist Gelegenheit, über die Relevanz der reformatorischen Auffassung von Arbeit als „Gottesdienst im Alltag der Welt“ bzw. vom Beruf als Dienst am Nächsten und an der Gesellschaft zu diskutieren.

Weitere anschlussfähige Themenbeispiele

1. Alternative Wirtschaftsformen im Kapitalismus
Im Raiffeisen-Gedenkjahr 2018 sind kooperative Wirtschaftsformen, die einst aus evangelisch-sozialen Grundsätzen entwickelt wurden, zu würdigen. Ihre Nachhaltigkeitspotenziale und ihre Rolle in der Sozialen Marktwirtschaft sowie in den Ökonomien von Entwicklungs- und Schwellenländern sind hervorzuheben. Die geistigen und spirituellen Motive des Genossenschaftsgründers F.-W. Raiffeisen sind als protestantisches Erbe wiederzuentdecken.

2. Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt?
Nicht jedes Wachstum bringt Wohlstand für alle. Welches Wachstum wollen wir und mit welchen ökologischen Wohlstandsparametern wäre ein nachhaltiges Brutto-Inlands-Produkt (BIP) zu ermitteln? Welche Rolle werden haushaltsnahe Arbeitsformen spielen, wenn die Folgen des demographischen Umbruchs in den Wohnquartieren spürbar werden? Welche Bedeutung kommt der unbezahlten Care-Arbeit zu, deren Wertschöpfungsbeitrag aus der Berechnung des BIP ausgeklammert wird, obwohl in unbezahlter Erziehungs-, Hauswirtschafts- und Betreuungsarbeit jene sozialen Vorleistungen erbracht werden, die erfolgreiche Teilnahme an Erwerbsarbeit erst ermöglichen?

3. Sonntagskultur
Unsere Gesellschaft muss sich weiter mit sozialen und kulturellen Begleiterscheinungen in der Folge veränderter Bedingungen der Erwerbsarbeit auseinandersetzen. Der traditionelle kollektive Wochenrhythmus, der sich der Einhegung von Arbeit durch den biblischen Sabbat verdankt, wird durch extreme Flexibilisierung von Arbeitszeiten zugunsten individueller Wünsche nach mehr Zeitautonomie und aufgrund betrieblicher Bedarfe nach kurzfristiger Anpassung von Arbeitsleistungen immer weiter aufgelöst.

Was bedeutet der Verlust von Regelmäßigkeiten für die Verwirklichung von Leitbildern wie „Gute Arbeit“? Welche Verwirklichungschancen haben Ausgleichsmodelle wie „Gesunde Arbeit“, für die sich die rheinische Landeskirche z.B. in ihrer Stellungnahme "Wirtschaften für das Leben" ausgesprochen hat, angesichts zunehmender psychischer Erkrankungen durch veränderte Arbeitsanforderungen?

4. Die Situation von Benachteiligten am Arbeitsmarkt:
Flüchtlinge, Langzeitarbeitslose, Altersarmut

Die Integration von Flüchtlingen durch Erwerbsarbeit wird zu scharfen Konkurrenzen unter Benachteiligten am Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssystemen führen. Weiter wird beharrlich zu fragen sein, wie das unzureichende System der Arbeitsvermittlung für Langzeitarbeitslose umgestaltet werden muss. Zu den Spätfolgen von Minijobs und aufgestockten Niedriglohn-Karrieren wird in den nächsten Jahren zunehmende Altersarmut gehören, die die Ära der relativ wohlhabenden Rentnerinnen und Rentnern ablösen wird.

5. Strukturwandel der Öffentlichkeit durch Verlagerung der Marktplätze in die digitale Welt
Das Verschwinden der Marktplätze Ob frei oder überdacht – über Jahrtausende hinweg waren Marktplätze auch jenseits des merkantilen Geschehens immer öffentliche Orte der Begegnung und des Austauschs. Was sich ändert, wenn Kaufhandlungen überwiegend nur noch digital abgewickelt werden, schlägt sich nieder in der Krise des Einzelhandels und in der Verödung unserer Innenstädte. Stehen unsere Kirchen künftig an leeren Marktplätzen? Wie stehen wir als Kirche zu dieser Art von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“?

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