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Wissenschaftsjahr 2012 - Zukunftsprojekt ERDE

Wirtschaftswachstum oder Postwachstumsökonomie?

Akademie-Tagung diskutierte Wachstums-Optionen des 21. Jahrhunderts

V. Prof. Dr. Dominik H. Enste, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln LupeV. Prof. Dr. Dominik H. Enste, Institut der deutschen Wirtschaft (IW), Köln

„Wirtschaftswachstum bleibt für die Wohlstandssicherung notwendig – und ist nicht gleichbedeutend mit mehr Ressourcenverbrauch “, so lautet die wirtschaftspolitische Empfehlung von Dr. Dominik Enste, Kompetenzfeldleiter für „Institutionenökonomik, Wirtschaftsethik und Wirtschaftspyschologie“ am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Enste sprach am 14. September 2012 auf einer Tagung der Akademie.   

Enste: Starke positive Wechselbeziehungen zwischen dem Bruttoinlandspunkt (BIP) und Messgrößen für Lebensqualität  
Es gebe starke positive Wechselbeziehungen zwischen der zentralen Messgröße für das Wirtschaftswachstum, dem Bruttoinlandsprodukt (BIP), und Messgrößen für Lebensqualität in einer Volkswirtschaft. Parallel zum BIP sei z.B. die Lebenserwartung gestiegen, wie Zahlenreihen aus 155 Staaten mit Messdaten aus den Jahren 1800 bis 2000 belegten.  

Mehr Wirtschaftswachstum bedeutet nicht zwingend erhöhten Verbrauch von natürlichen Ressourcen 
Enste, der auch eine Vertretungsprofessur für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Köln wahrnimmt, trat der Kritik entgegen, dass mehr Wirtschaftswachstum zwingend mit einem erhöhten Verbrauch von natürlichen Ressourcen einhergehe. Das BIP spiegele nicht allein den Wert von produzierten Gütern, sondern von Gütern und Dienstleistungen. Der Anteil der Dienstleistungen am BIP steige dabei stetig. Dieser wachsende Sektor würde aber in ungleich geringerem Maße auf endliche Rohstoffe zurückgreifen, als dies bei der Produktion von Gütern der Fall sei. Ein Beispiel dafür sei der Bereich der Pflegeleistungen.  

Auch Qualitätsverbesserungen und eine daraus folgende effizientere Ressourcennutzung flössen in die Messgröße BIP ein, so Enste. Im Hinblick auf Qualitätsverbesserungen nannte er u. a. auf spritsparende KFZ-Motoren oder Videokonferenzen, die Dienstreisen und die damit verbundene Klimabelastung ersetzen würden.  

Das BIP - auf absehbare Zeit unersetztlich, trotz drei zentraler Schwächen
„Das BIP bleibt auf absehbare Zeit unersetzlich“, setzte sich Enste für die Beibehaltung der zentralen Messgröße ein. So sei das BIP im Unterschied zu  anderen Bemessungsverfahren für die Gesamtwirtschaftsleistung zeitnah verfügbar und zudem für internationale Vergleiche genutzt werde.  

Gleichwohl habe das BIP drei zentrale Schwächen. Das Wachstum des BIP pro Kopf könne keine direkten Aussagen treffen zu Lebensqualität, Nachhaltigkeit und zu Tausch statt Kauf von Gütern und Dienstleistungen oder zur Schattenwirtschaft, also zu Wertschöpfungen jenseits des Marktes. Mittelfristig müsse ein Indikatoren-System entwickelt werden, dass neben der Wirtschaftsleistung, also dem heutigen BIP, auch Lebensqualität und Nachhaltigkeit berücksichtige. In ein solches Messsystem sollten dann Kennzahlen zu Gesundheits- und Bildungsstatus, zu sozialen Kontakten und Beziehungen einerseits, aber auch zu Treibhausgas-Emissionen und Rohstoffverbrauch pro Kopf andererseits einfließen.  

Verantwortliches unternehmerisches Handeln muss wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele aufeinander abstimmen
Eine solche von der Politik anzustoßende Veränderung des Messsystems werde zugleich Auswirkungen auf die Unternehmen haben. Der Schwerpunkt der Unternehmenspolitik liege heute mehrheitlich noch auf der Steigerung der Gewinne („Profit“). Ebenso müssten aber auch die Lebensqualität der Mitarbeiter („People“) und Nachhaltigkeit der Produktion sowie der schonende Umgang mit Ressourcen („Planet“) in die Ziele einfließen. Verantwortliches unternehmerisches Handeln müsse einen Dreiklang der drei „P“erzeugen, d.h. wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele aufeinander abstimmen. „Wir dürfen uns nicht auf den Gewinn fokussieren“, so Enste.    

Zu der Veränderung des unternehmerischen Denkens könnten auch die Mitarbeiter des Unternehmens ihren Beitrag leisten. Schon heute gebe es Beschäftigte, die sich trotz eines geringeren Verdienstes für die Arbeit in einem Unternehmen entscheiden, das Nachhaltigkeit bei seiner Produktion ausdrücklich berücksichtige.   

Um Wachstum und einen verantwortungsvollen Umgang mit den endlichen Rohstoffen zu verbinden, solle man auch bei den Verbrauchern Anreize schaffen. Veränderungen im Konsumverhalten könnten zwar auch über Informationen erreicht werden, „leider meist aber nur über den Geldbeutel“. So könnte z.B. die Erhöhung der Flugpreise die Nachfrage und damit letztendlich die Klimabelastung senken.    

Für einen Wohlstand ohne Reue setzt der Volkswirtschaftler Enste auf die Kreativität der Menschen
Es gehe ihm letztlich nicht um ein einfaches „Weiter so!“, sondern um eine Balance zwischen Wirtschaftswachstum, Lebensqualität und Nachhaltigkeit. Realistisch sei aber ein Wirtschaftswachstum ganz ohne Ressourcenverbrauch und ohne Kohlenstoffdioxid-Ausstoß nicht möglich. Auch die Schwellenländer wie z.B. China hätten das Recht auf Wirtschaftswachstum. Für einen Wohlstand ohne Reue setze er auf die Kreativität der Menschen, verantwortungsvoll mit den Ressourcen umzugehen. Dabei werde es immer wieder Konflikte bei den Zielen geben, räumte Enste ein. Studien darüber, wie sich die Beibehaltung des Status Quo statt eines weiteren Wachstums in der Wirtschaft auswirken könnten, gäbe es bisher nicht.

Professor Dr. Niko Paech, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg LupeProfessor Dr. Niko Paech, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Niko Paech: Nein zu weiterem Wirtschaftswachstum, unabhängig von den Rahmenbedingungen
Niko Paech, außerplanmäßiger Professor für Produktion und Umwelt an der Universität Oldenburg, lehnte demgegenüber in seinem Vortrag ein weiteres Wirtschaftswachstum, unabhängig von den Rahmenbedingungen, ab. Auch ein sogenanntes „grünes“ Wirtschaftswachstum, das schonend mit den natürlichen Ressourcen umgehe, werde der aktuellen Situation nicht gerecht und akzeptiere die Erde und ihre Biosphäre nicht als unveränderbare Grenze.

„Wer das individuelle CO2-Budget von 2,7 Tonnen pro Jahr nicht als Rahmenbedingung jeder weiteren Entwicklung akzeptiert, will entweder keinen Klimaschutz oder keine globale Gerechtigkeit!“, sagte der Leiter des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekts GEKKO: „Gebäude, Klimaschutz und Kommunikation“. Derzeit läge aber der Ausstoß von Kohlendioxid bei 11 Tonnen pro Bundesbürger.  

Weiteres Wirtschaftswachstum ist sowohl aus ökonomischen
als auch aus kulturellen Gründen keine Option für das 21. Jahrhundert
 
Ein weiteres Wirtschaftswachstum sei keine Option für das 21. Jahrhundert. Zur Begründung zog Paech ökonomische und kulturelle Gründe heran: Einerseits gebe es abnehmende natürliche Ressourcen und damit ökonomische Grenzen ebenso wie eine Verschärfung der ökologischen Situation. Andererseits habe die Glücksforschung offen gelegt, dass nach Erreichen eines bestimmten Status mehr Wohlstand nicht mehr individuelles Glück bedeute. Derzeit befänden wir uns aber in einem Zustand der „Konsumeskalation“.  

Statt Fixierung auf das BIP Entwicklung einer Postwachstumsökonomie:
"Wir müssen die Kunst des Konsumierens neu lernen"

Paech plädierte für eine konsequente Abkehr von der bisherigen Fixierung auf das Bruttosozialprodukt. Er setzt sich ein für die Entwicklung einer Postwachstumsökonomie, die sowohl die Ebene des persönlichen Konsumverhaltens als auch das wirtschaftliche Handeln auf nationaler und globaler Ebene der Volkswirtschaften einbezieht. Der einzelne solle sich bewusst in seinem Konsum begrenzen. Wenn man bedenke, dass ein Deutscher heute im Durchschnitt 10.000 Dinge besitze, könne man leicht nachvollziehen, dass für jede Nutzung oder jeden Konsum nur ein winziges Quäntchen Zeit verbleibe. „Wir müssen die Kunst des Konsumierens neu erlernen“, plädiert Paech für eine solche Entschleunigung oder Suffizienz.  

Stärkung regionaler Wirtschaftsräume und eine neue Kombination von Eigen- und Erwerbsarbeit 
Auf unternehmerischer Ebene sollten Wertschöpfungsketten verkürzt werden und neben einer weiter bestehenden globalen Arbeitsteilung regionale Wirtschafsformen gestärkt werden. Durch eine Verringerung der Produktion und kürzere Arbeitszeiten würden für den einzelnen zeitliche Freiräume geschaffen, die er für eine neue Kombination aus Eigen- und Erwerbsarbeit nutzen könne. Im Rahmen dieser sogenannten „urbanen Subsistenz“ wird er vom Konsument zum Prosumer, d.h. zum gleichzeitigen Produzenten und Konsumenten. Eigene handwerkliche Produktion, Gemeinschaftsnutzung von Geräten, aber auch von Gärten und nachbarschaftliche Tauschnetze ergänzen den Kauf von Produkten und Dienstleistungen. So würde nicht nur das soziale Miteinander gestärkt, sondern auch die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit bei wirtschaftlichen Krisen.   

Paech setzt dabei auf die Vorreiterrolle des Einzelnen:
"Eine Selbstdarstellung mittels der Dinge, die man nicht braucht, muss zum Trend werden"
Bei diesen Veränderungsprozessen setzt Paech auf die Vorreiterrolle von Einzelnen, deren Engagement sich dann zu einer sozialen Bewegung verdichtet. Eine „Selbstdarstellung mittels der Dinge, die man nicht braucht“ müsse zum Trend werden. Erst wenn dieser neue soziale Lebensstil sichtbar werde, werde auch die Politik darauf reagieren, so Paech.  

Enste und Paech hielten die Einführungsvorträge auf der Tagung “Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt?“ Ökonomische Perspektiven und ethische Kriterien für nachhaltiges Wirtschaftswachstum“. Die Tagung war ein durch den Verband Evangelischer Akademien in Deutschland vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördertes Angebot im Rahmen des Begleitprogramms Nachhaltigkeit im Wissenschaftsjahr 2012 – Zukunftsprojekt ERDE. Mehr Informationen zum Wissenschaftsjahr 2012 unter: www.zukunftsprojekt-erde.de

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hbl / 01.10.2012



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